Die Welle der selbstfahrenden LKWs - Teil 1

10.04.2018

 

Im April 2016 kamen 12 LKWs der führenden europäischen Transportunternehmen DAF, Daimler, Iveco, MAN, Scania und Volvo in der Hafenstadt Rotterdam, Niederlande an. Es war die erste grenzüberschreitende Fahrt einer fahrerlosen LKW-Flotte in Europa, die einen Blick in die Zukunft des Güterverkehrs freigab. Im Februar 2018 wurde der Blick in die Zukunft Realität, als Embark, ein kalifornisches Start-up-Unternehmen, erfolgreich einen selbstfahrenden Truck über die fast 4000 Kilometer lange Strecke zwischen Los Angeles, Kalifornien und Jacksonville, Florida schickt.

In dieser Artikelserie wird dargelegt, wie sich das unvermeidliche Wachstum von selbstfahrenden LKWs nicht nur auf die direkten Akteure wie die über 100 Milliarden Euro teure europäische Transport- und Logistikbranche und ihre 2,4 Millionen Beschäftigten im Straßenverkehr auswirken wird, sondern auch auf die Umwelt und die Sicherheit der Allgemeinheit.

Teil 1: Selbstfahrende LKWs & die Transportlogistikbranche

Wenn man bedenkt, dass 75 % der europäischen Güter und 70 % der Güter in den USA mit LKW und nicht mit Schiffen oder Flugzeugen befördert werden, können sogar kleine Änderungen  im Straßentransport große Wellen in der Logistikbranche schlagen. Mit einem jährlichen Umsatz von 580 Milliarden Euro und einer prognostizierten jährlichen Wachstumsrate von 3,4 % bis 2023 allein in den USA, ist es kein Wunder, dass internationale Großunternehmen wie Google, Uber und Tesla sowie über 40 kalifornische Start-ups wie Embark und Otto daran interessiert sind, sich auf ihrem Weg zu fahrerlosen LKWs mit Langstreckenunternehmen wie Volvo, Daimler und DHL zusammenzuschließen.

Diese fahrerlosen LKWs sind vielleicht der Grund, warum bis 2023 nur ein Wachstum von 3,4 % erwartet wird – die Wachstumsrate der LKW-Branche nach der Einführung und Normalisierung der automatisierten LKWs dürfte deutlich höher sein. Diese Wachstumsrate, die bis zum Ende des ersten Jahrzehnts des breit angelegten Einsatzes von selbstfahrenden LKWs voraussichtlich 50 % erreichen wird, lässt sich anhand der Einsparungen und Produktivitätssteigerungen messen, die mit sensorischen und datengesteuerten LKWs einhergehen.

Selbstfahrende LKWs: Kostenreduzierung & Produktionsanstieg

Selbstfahrende LKWs sollen laut Morgan Stanley jährlich 136 Milliarden Euro einsparen. Wenn man bedenkt, dass 34 % der Betriebskosten pro Meile (1,6 km) auf die Arbeitskosten entfallen, wird erwartet, dass der größte Teil der Einsparungen durch die Senkung der Arbeitskosten erzielt wird, also jedes Jahr 57 Milliarden Euro. Teil 2 dieser Reihe wird das Thema weiter vertiefen, insbesondere im Hinblick auf die Neuordnung der Verantwortlichkeiten bei fahrerlosen LKWs.

Die Produktivitätssteigerung kommt vor allem daher, dass fahrerlose LKWs fast 24 Stunden am Tag fahren können (im Gegensatz zur 11-Stunden-Grenze für menschliche Fahrer). Daher wird mit Einsparungen von 22 Milliarden Euro pro Jahr gerechnet. In Vollzeit rollende Räder bedeuten kürzere Lieferzeiten, die mit steigenden Auslieferungen und auch mit steigenden Umsätzen einhergehen.

Obwohl sie mehr Stunden pro Tag unterwegs sind, können autonome LKWs so programmiert werden, dass sie mit einer für einen effizienten Kraftstoffverbrauch optimierten Geschwindigkeit fahren, wodurch Transportunternehmen jährlich 29 Milliarden Euro Kraftstoff einsparen, die Kraftstoffkosten so um 4-7 % senken und damit 6.500 Euro pro LKW und Jahr weniger ausgeben könnten. Auf den Zusammenhang zwischen autonomen Fahren und den Auswirkungen auf die Umwelt wird in Teil 4 dieser Serie näher eingegangen.

Nicht zuletzt dürfte autonomes Fahren auch positive Auswirkung auf die Häufigkeit von Unfällen haben. Die Einsparungen, die sich aus der Reduzierung von Unfällen und der mit möglichen Unfällen verbundenen Versicherungskosten ergeben,  wird auf 29 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Wenn man bedenkt, dass 90 % der durchschnittlich 4000 Todesfälle durch LKW-Unfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen sind, ist das vielleicht fassbarste Argument für die Umstellung auf selbstfahrende LKWs ganz einfach die Zahl der Menschenleben, die jedes Jahr gerettet werden können.

Die unvermeidliche Zunahme von selbstfahrenden LKWs

Angesichts des Einsparungspotenzials durch selbstfahrende LKWs ist es kein Wunder, dass der Bericht von McKinsey & Company vom vergangenen Sommer prognostiziert, dass bis 2025 mindestens einer von drei neuen schweren LKWs über eine hochgradige Automatisierungstechnik verfügen wird oder, wie die Analysten von IHS Automotive schätzen, dass der jährliche Absatz von autonomen LKWs bis 2035 600.000 Einheiten erreichen könnte.

Für LKW-Besitzer, die sich dem Automatisierungsspiel anschließen wollen, würde die Installation von Sensoriksystemen, die ihren manuellen LKW in einen intelligenten LKW verwandelt, derzeit etwa 80.000 Euro pro LKW kosten. Doch das kalifornische Start-up-Unternehmen Otto will den Preis der Technologie auf 24.000 Euro senken, was einen Return on Investment innerhalb von ein bis zwei Jahren bedeuten würde – ein überzeugendes Szenario, wenn man bedenkt, dass mehrere Branchenführer glauben, dass diese Technologie eines Tages staatlich vorgeschrieben sein wird.

Während die LKW-Automatisierung ein globales Phänomen sein dürfte, ist sie in den USA besonders ausgeprägt angelaufen. Deshalb hat das deutsche Unternehmen Daimler sein Testgelände in Nevada eingerichtet und dort eine staatliche Lizenz erhalten. In Anbetracht der Tatsache, dass der Staat Ohio selbst 12 Millionen Euro in etablierte automatisierte LKW-Testanlagen investiert hat, haben sich viele europäische Speditionsunternehmen als erste potenzielle Kunden dem US-Markt zugewandt, was wahrscheinlich auf die zusätzliche Bürokratie zurückzuführen ist, die mit den unterschiedlichen Straßenverkehrsvorschriften der Europäischen Union in den einzelnen Mitgliedstaaten verbunden ist. Doch das Engagement des Vereinigten Königreichs mit einem Investment von über 9 Millionen Euro für die Technologie zeichnet ein optimistisches Bild für die weitere Entwicklung des fahrerlosen LKWs.